Das bewegte Herz

  • Das bewegte Herz

    Unser Herr Jesus schenkt uns in der Erzählung des barmherzigen Samariters (Lukas 10) einen tiefen Blick in Sein Herz voller Liebe, Demut und Fürsorge. Wir finden wertvolle Hinweise, wie wir unserem Nächsten in seinem oft dunklen und kalten Umfeld Gottes helles, wärmendes Licht weitergeben können.

    Es ist irritierend, wie ein und dieselbe Szene - ein halbtoter, blutender Mann - so entgegengesetzte Reaktionen bei dem Priester, dem Leviten und dem Samariter hervorrufen konnten.
    Vergleichen wir die folgenden drei Personengruppen einmal:

    • Gottes Erbarmen wies den Leviten u.a. sechs Zufluchtsstädte (4.Mose 35:1-8) als Wohnort zu. Schenkte dieser Levit deshalb dem Verletzten eben solche Zuflucht?
    • Der Dienst des Priesters erinnerte ihn an die Stellung, die Gottes Errettung aus der Hand Ägyptens dem Volk Israel geschenkt hatte. Rettete er nun den Verletzten, getreu dem Motto „Gerettet sein gibt Rettersinn“?
    • Der Samariter entstammte wohl einem polytheistischen Umfeld und war in Hinblick auf eine persönliche Verantwortung am ehesten „aus dem Schneider“.
    Moment, Juden verkehrten aber doch nicht mit Samaritern (Joh. 4:9)!? Setzte sich der Samariter durch seine Hilfe nicht der Verachtung seiner Landsleute aus, wenn er sich um diesen Gefallenen kümmerte und ihn selbstlos auf sein eigenes Tier erhöhte, während er unten blieb?

    Der Schwerverletzte war hoffentlich nicht bei Bewusstsein, was wäre es sonst für ihn gewesen, von beiden gesehen und trotzdem hilflos zurückgelassen zu werden? Es wäre dem Priester und dem Leviten doch sicher möglich gewesen zu helfen, doch ließen sie sich nicht zu seiner Rettung verwenden. Wie im Beispiel der zehn Aussätzigen (Lukas 17) war es auch hier ein Samariter, der die trauige Szene aufhellt und herbeieilt.
    Ich frage mich bei diesen Begebenheiten, wie oft ich selbst nicht zur Verfügung stehe und die von mir erwartete Hilfe durch andere wahrgenommen werden muss.


    Doch warum sind wir zuweilen so wenig empfindsam und hilflos, wenn es darum geht, Leidenden jeder Art zu helfen?

    Von mir selbst kann ich sagen, dass wir unseren Egoismus schnell hinter geistlichen Argumenten verstecken und sich hinter der strahlend weiß getünchten Wand Schein-Heiliger Argumente „alle Art von Unreinigkeit“ verstecken kann (Matthäus 23:27). Wie oft haben wir geistliche „Mäntel“ für ungutes Handeln und machen uns ggf. selbst etwas vor und übertönen das größte Gebot der Liebe.

    Gott hatte die leidvollen Umstände sicher zugelassen oder sie vielleicht gar bewirkt. Dennoch war die Lektion der Begebenheit nicht, dass der Halbtote Gottvertrauen lernen sollte oder der Helfende durch sein Tun gar in Gottes Wege eingriff. Lernte der Halbtote Gottes Allmacht nicht vielleicht gerade daran, dass dieser ihm gerade einen Samariter schickte?

    Eine Lektion der Begebenheit ist sicher, dass wir - soweit möglich - der Not unseres Nächsten direkt begegnen sollten und unseren Glauben im Bewusstsein zeigen können, dass Gott es sicher lohnen wird; sonst ist es möglicherweise toter Glaube ohne Werke (Jakobus 2:15-18).

    Nun aber zurück zur Begebenheit des barmherzigen Samariters. Gottes Wort schreibt uns, dass die Frage „Und wer ist mein Nächster?“ in Vers 29 ein Rechtfertigungsversuch war, deshalb können wir wohl von dem
    Problem egozentrischen Denkens ausgehen.


    Wie korrigiert der Herr Jesus diese Sicht nun? Wir finden in den Versen einen appellierenden Perspektivwechsel:
    • „Lehrer, was muss ich tun, um ewiges Leben zu erben?“ (Vers 25)
    • „ ...wer ist mein Nächster?“ (Vers 29)
    • „Wer von diesen dreien, [...] ist der Nächste gewesen von dem, der unter die Räuber gefallen war?“ (Vers 36)
    So lenkt Jesus Christus den Blick weg von der Selbstbetrachtung, hin zu seinem Nächsten.

    Dadurch wechselte der Fokus von den eigenen Umständen hin zu den Nöten des Nächsten.

    Der Antrieb dazu war nicht weiter die Verantwortung eigener Pflichterfüllung, sondern das Wohlergehen seines Nächsten. Sich für dessen Wohl einzusetzen erfordert keinen Auftrag - es ist eine Grundverantwortung.

    Die Grenze der Bemühungen ist nicht mehr die Frage „Habe ich genug getan?“, sondern „Geht es meinem Nächsten nun gut genug?“.

    Wir haben eingangs schon erkannt, dass sich dem Samariter das gleiche Bild bot wie dem Priester und dem Leviten. Was bewegte diesen Reisenden nun zu einem solch selbstlosen Handeln - und welche Anregungen können wir daraus in Hinblick auf seelsorgerliche Bemühungen ziehen?

    Das Herz eines Seelsorgers...

    ... wird erreicht und bewegt; er begibt sich in die Umstände des Notleidenden (V31-34)

    Wenn wir die Schilderungen der drei Personen nebeneinanderschreiben, erkennen wir, dass die Handlungsstränge bei der Frage des innerlichen Bewegtwerdens, der Empfindsamkeit auseinander laufen.

    Jeder der drei Reisenden wurde mit dem gleichen Leid konfrontiert, Priester und Levit wurden aber innerlich nicht berührt und wandten sich ab. Ganz anders der Samariter: er begibt sich in die Not des Leidenden, kann dadurch eine zutreffende Diagnose stellen und an seiner Wiederherstellung arbeiten.

    ... überwindet menschliche Barrieren

    Der Samariter hätte wohl viele Gründe nennen können, sich nicht um den Verletzten zu kümmern. Die Argumente überwand seine Barmherzigkeit aber ebenso wie die - wahrscheinlich auch vorhandene - eigene Furcht.

    ... setzt sich selbstlos für Heilung und Wohlergehen des Notleidenden ein (V34)

    Es ist faszinierend, wie dieser Samariter sein Umfeld und die Gefahr eventuell zurückkehrender Räuber einfach ausblendet. Dem Samariter ging es - seit sein Herz bewegt war - nur noch um das Wohl des halbtot Daliegenden. Zeit- und Materialressourcen hatten sich diesem Zweck unterzuordnen, waren also nur noch „Mittel zum Zweck“.

    Das klingt zunächst unnüchtern und unvernünftig, ist aber ein (nur schwaches) Abbild des Wirkens unseres Herrn und Heilands: Letztendlich haben wir doch alles aus Gottes Hand erhalten und haben dies - ob es nun geistliche oder materielle Gnadengaben sind - treu zu verwalten und zum Wohle Seines Leibes einzusetzen.

    Bei aller Mühe ist es immer eine Freude, Geliebten unseres Herrn mit dem uns Anvertrauten - möglichst ganzheitlich - dienen zu können!

    Wir waren doch selbst einmal wie der hilflose Halbtote und haben alles aus Gnaden empfangen. Dann lasst uns das Erlebte doch weitergeben und den Dienst des barmherzigen Samariters froh und dankbar tun.

    ...wirkt begleitend bis zur Wiederherstellung (V35)

    Seelsorge ist ein intensives Bemühen und manches Mal kann man nur noch auf den Knien weiterkämpfen. Doch das Gebet (persönlich und gemeinsam) ist eine wesentliche Aufgabe in der Seelsorge; in vielen Fällen haben wir aber weit mehr Möglichkeiten.

    Natürlich schreckt uns die seelsorgerliche Betreuung über einen langen Zeitraum ab, da es zweifelsohne Einschränkungen in Hinblick auf den Tagesablauf bedeutet und viel Aufwand mit sich bringt ... aber sind wir da nicht wieder bei dem „Egozentrischen“?

    Denn wenn diese geliebten Kinder Gottes dann aber wieder gestärkt in den Alltag entlassen werden können - war es dann nicht eine gesegnete und lohnende Investition in das Wohl der Herde?

    Gottes Wort schildert uns das nicht, aber was muss es für den barmherzigen Samariter gewesen sein, wenn er nach seiner Rückkehr den zuvor Halbtoten das erste Mal sitzen oder gehen sah!? Es ist gut vorstellbar, dass sein Herz sich einfach nur an dem Wohl seines Nächsten erfreute und sein immenser Einsatz gedanklich keine Rolle spielte.

    Sehen wir da nicht auch eine Parallele zu unserem Heiland Jesus Christus, der alles für uns gab, damit wir ein Leben in Überfluss (Johannes 10:10) haben und für die „vor ihm liegende Freude das Kreuz erduldete“ (Hebräer 12:2)?